Zurück in die Steinzeit des Lernens

05. Nov 2016

Unlängst  diskutierte ich mit meinem Geschäftspartner, Rob Bigge von der GreenHouse Group in Brüssel, über die Zukunft des Lernens. Der aktuelle Trend ist ohne Frage Blended Learning – doch das ist nichts wirklich Neues. Der klassische Fernunterricht kennt das Lernen im Medienmix schon seit Jahrzehnten. Studienbriefe bzw. Lernhefte wurden mit Audios und anderen Lernmedien sowie mit Präsenzseminaren zu Fernkursen kombiniert. Klar, die e-Medien fehlten, aber da hat der Fernunterricht inzwischen gut aufgeholt. Anderes Beispiel: Siemens führte bereits 1997 mit seinem Siemens Management Learning Program ein großes Blended Learning Programm durch, das bis heute seinesgleichen sucht. Partner war die Duke University, schon damals führend im Blended Learning. Der Trend „Blended Learning“ ist da, aber bei weitem nicht neu.

Neben Blended Learning gibt es weitere Trends. Und die sind genau betrachtet eigentlich auch nicht neu. So gibt es zum Beispiel selbstgesteuertes Lernen mit großen und kleinen Web Based Trainings und mit netten „Learning Nuggets“ schon seit Jahrzehnten, damals noch als Computer Based Training. Mobile Learning heißt eigentlich nichts anderes, als das Lernanbieter ihr Material so aufbereiten müssen, dass es mit Tablets und Smartphones auch bei der Bergwanderung nett anzuschauen ist. Lernen mit informellen Quellen machen wir schon seit es den Buchdruck gibt und wir Fachbücher und Fachzeitschriften lesen. Heute verwenden wir das Internet. Spannend wird es bei informellem Lernen in virtuellen Lerncommunities durch den Austausch mit Menschen, die irgendwo auf der Welt sitzen. Damit sind wir rein „lerntechnisch“ sogar zurück in der Steinzeit des Lernens. So haben unsere Vorfahren in grauer Vorzeit voneinander gelernt, in der Welt zu überleben.

Wir sollten uns also hüten, die neuen Lernwelten als das absolut Neue und noch nie Dagewesene zu hypen. Damit verschrecken wir viele Menschen, die gerne lernen würden, aber vor dem Berg an Technologien, dem Dschungel der Begrifflichkeiten und dem Irrgarten der Möglichkeiten kapitulieren.

Es gilt, den Menschen nicht nur in das Zentrum des Lernens zu setzen, wie es die neuen Lerntechnologien wunderbar ermöglichen. Der Lernende benötigt auch die entsprechenden Rahmenbedingungen und Lernkulturen. Selbstgesteuertes Lernen ist nicht neu – mit neuen Lernmedien sehr wohl. Informelles Lernen ist nicht neu – über Netzwerke sehr wohl. Lernen am Arbeitsplatz ist nicht neu – über den Rechner sehr wohl. Die Vielfalt der Möglichkeiten inklusive der zahlreichen Technologien, der Mangel an Zeit, die Kultur der Geschwindigkeit und des Soforts, die Überlastung mit Informationen und die Angst vor dem vielen Neuen, die nicht selten von Weiterbildungs- und Technologieherstellern durch hypiges Geschrei geschürt wird – das sind einige der eigentlichen Blockierer auf dem Weg in die neue Lernwelt.

Wir sollten uns mal in Ruhe zurücklehnen und uns überlegen, wie früher – zurück bis in die Steinzeit – gelernt wurde. Genauso lernen wir heute noch, allerdings mit neuen Rahmenbedingungen. Wir müssen also zunächst nicht das Lernen neu erfinden, sondern wie der Mensch sein Lernen in die neuen, technologischen Möglichkeiten so einbetten kann, dass er sich wohlfühlt und gerne lernt. Pragmatische Vorgehensweisen sind gefragt. Dann können wir die Lernenden auch mitnehmen und an das wirklich Neue im Lernen heranführen – dass wir das Wissen nicht mehr in den Köpfen haben müssen, weil es jederzeit im Internet zugreifbar ist, sondern das wir aus dieser Fülle an Wissen das Richtige extrahieren, Kompetenzen aufbauen und Probleme lösen können.

Lernende Grüße aus dem Rheinland

Konrad Fassnacht

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FCT Akademie

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