Immer häufiger lese ich auf Websites von Tool-Herstellen wie z.B. Herstellern von Autorenwerkzeugen
„Mit unserem KI-gestützten Tool brauchst du kein Vorwissen und keine Kompetenzen. Leg einfach los und erstelle in Minuten exzellente E-Learnings.“
Wenn das stimmt, könnten wir eigentlich auf E-Learning-Autoren, Didaktiker und Instructional Designer verzichten. Oder?
Gehen wir der Sache auf den Grund. Zunächst muss ich bei dieser Aussage immer an einen Satz denken, den der Software-Entwickler Grady Booch geprägt haben soll: „A fool with a tool is still a fool (Ein Narr mit einem Tool ist immer noch ein Narr)“. Zunächst: Was bedeutet die Aussage genau?
Wenn man einer Person ein Werkzeug oder eine Technologie an die Hand gibt, dann verbessern sich nicht automatisch die Ergebnisse und die Leistungsfähigkeit, wenn der Person das grundlegende Wissen, die Urteilskraft und die Fähigkeiten fehlen, das Werkzeug oder die Technologie effektiv und effizient zu bedienen.
Ist nun KI eigentlich eine Technologie oder ein Werkzeug oder was? Streng genommen ist KI die zugrunde liegende Technologie. ChatGPT, Claude oder Synthesia sind Werkzeuge, die diese Technologie nutzen. Für die weitere Diskussion spielt dieser Unterschied allerdings kaum eine Rolle – entscheidend ist, wie wir diese Werkzeuge einsetzen.
Kommen wir nun zum Kern. Gilt der Satz „A fool with a tool is still a fool.“ auch für KI? Die Antwort ist einfach: Ja, der Satz gilt für KI sogar in besonderem Maße. Da KI eine sehr mächtige Technologie bzw. ein sehr mächtiges Tool ist, macht sie unüberlegtes „Fool“-Handeln oft noch gefährlicher oder kostspieliger.
Die wichtigsten Gründe dafür sind:
- Kompetenz-Illusion: KI formuliert flüssig, überzeugend und selbstbewusst. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, die Antwort sei automatisch richtig. Wer jedoch nicht über das notwendige Fachwissen verfügt, kann die Qualität der Ergebnisse oft gar nicht beurteilen. Genau darin liegt eine der größten Gefahren beim Einsatz von KI.
- Fehlende Urteilskraft: KI ist ein Tool, das Eingaben ausführt, ohne beurteilen zu können, ob die Fragestellung sinnvoll oder vollständig ist. Ist die Eingabe unreflektiert, ist auch die Ausgabe zumindest in Teilen unbrauchbar. KI ersetzt also nicht das kritische Denken – dazu braucht es wieder menschliches Wissen und menschliche Kompetenz.
- Skalierung: KI skaliert, was der Mensch einbringt. Gute Entscheidungen werden schneller umgesetzt. Schlechte Entscheidungen ebenfalls. Deshalb ersetzt KI Kompetenz nicht – sie verstärkt sie und skaliert Fehler genauso wie gute Ergebnisse.
Wer mit KI hochwertige E-Learnings entwickeln möchte, benötigt also weiterhin:
- Fachwissen zum jeweiligen Thema
- didaktische Kompetenz zur Gestaltung wirksamer Lernprozesse
- kritisches Denken, um KI-Ergebnisse zu hinterfragen
- Medien- und KI-Kompetenz, um die Werkzeuge sinnvoll einzusetzen
Wer glaubt, auf Fachwissen und didaktische Kompetenz verzichten zu können, wird mit KI zwar schneller Ergebnisse erzeugen – aber nicht zwangsläufig bessere. Im Gegenteil: Die Gefahr steigt, fachliche Fehler, didaktische Schwächen und ungeeignete Lernkonzepte in hoher Geschwindigkeit zu produzieren. Leidtragende sind am Ende die Lernenden.
Fassen wir zusammen.
- Früher brauchte man die Kompetenz, um ein E-Learning zu erstellen.
- Heute braucht man zusätzlich die Kompetenz, um zu erkennen, ob die Beiträge der KI zu E-Learnings gut sind.
Fazit: A fool with AI is still a fool – only much faster.
Lernende Grüße aus dem Rheinland.
Konrad Fassnacht


